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Die Fabbenstedter Dorfglocke

Im Jahre 1929 wurde der Glockenstuhl mit Glocke auf einem Hügel in der Wiese von Hehmann Nr. 24, -heute an der Alsweder Landstraße- im Beisein von Gemeinderat, Pastor Voß, Lehrerschaft und vielen Dorfbewohnern eingeweiht. Die Glocke, von der Firma Korfhage in Buer gegossen, trägt die Inschrift: „Angeschafft im Jahre 1929 - Heinri. Langewisch, Gemeindevorsteher". Das Läuten übernahm die Familie Wilhelm Rüter.

Erst 2 Jahre zuvor hatten die Eheleute Rüter auf der gegenüberliegenden Straßenseite –heute Alsweder Landstraße 12- ihr neues Haus gebaut.

Wilhelm Rüter betrieb die Firma „Mühle, Getreide- und Gemischtwarenhandlung". Direkt daneben stand ein kleines Gebäude mit dem Leichenwagen.

Ebenfalls im Jahr 1927 hatte Wilhelmine Hellweg ihren Neubau mit dem Geschäft „Manufacturwaren, Betten und Aussteuerartikel" errichtet.

So entschied Vorsteher Langewisch Nr. 8 —heute Alsweder Landstr. 5- : "Hier ist die Dorfmitte. Hier kommt der Glockenstuhl hin."

Das Glockengeläut hatte damals drei unterschiedliche Funktionen:

  1. die Tagesglocke - als Zeitangabe -
  2. die Todesglocke - als Nachricht und Nachruf -
  3. die Alarmglocke - als Notsignal -

Wilhelm Rüter war zuständig für das tägliche 3-malige "Kleppen der Glocke": morgens 7 Uhr, mittags 12 Uhr und abends 7 Uhr. Dafür war seine Familie vom Bollwerken (gemeinnützige Arbeit an Straßen und Gräben) freigestellt.

Bei Feuer und in sonstigen Notfällen wurde durch schnelles Läuten Alarm gegeben. Jeder konnte in einem solchen Fall den Glockenstrang ziehen.

Bei Todesfällen wurde lange und langsam geläutet. Das war besonders anstrengend und verlangte vollen körperlichen Einsatz, denn die Kette musste ganz durchgezogen werden.

Anna Vogt, geb. Rüter, Jahrgang 1919, erinnert sich: "Erst mit 16 Jahren war ich stark genug, um überhaupt beim täglichen Kleppen zu helfen".

Das Beerdigungsgeläut erfolgte am Tag vor der Bestattung, mittags um 12 Uhr. Diese Tradition besteht bis auf den heutigen Tag.

Damals wurde außerdem am Tag der Beerdigung ca. 1/2 Stunde geläutet; solange nämlich, wie der Leichenzug in Sichtweite der Glocke war. Für das Beerdigungsläuten erhielten Rüters als Entgelt 2 Reichsmark. Kaufmannstochter Anna: "Sterben ist mein Gewinn. So ist das."

Und weiter erinnert sie sich: "Es war die Beerdigung Hilker. Wir alle standen neben der Glocke am Straßenrand parat. Wir warteten darauf, dass der Leichenzug bei Horstmanns um die Ecke bog, um dann mit dem Läuten zu beginnen. Aber es tat sich nichts. Es dauerte und dauerte. Nichts war zu sehen. Wir wurden ungeduldig und auch besorgt. Dann endlich bewegte sich etwas am Straßenende. Sie kamen. Was war der Grund für die ungewöhnliche Verspätung? Nicht der Pastor hatte zu lange gepredigt. Vielmehr zog erstmals statt des Pferdegespanns ein Auto den Leichenwagen. Und man hatte technische Schwierigkeiten gehabt, die neue Verbindung zwischen beiden Fahrzeugen herzustellen."

Die Glocke in der Dorfmitte: sie war ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt.

Tagsüber spielten Kinder hier und beobachteten dabei das geschäftige Treiben vor der Mühle und den Einkaufsläden.

Zu später Stunde traf sich hier die Dorfjugend. Und so manches Liebespaar hockte auf den Kreuzbalken unter der Glocke.

Nach Feierabend fanden sich hier die Älteren ein zum Klönen und Austausch von Neuigkeiten. Und manchmal war es besonders gemütlich. Dann nämlich spielte Wilhelm Rüter das Bandoneon und Tochter Anna die Ziehharmonika. Und wenn Wilhelm Horstmann Nr. 20 - heute Fünfhausen 2 - die Musik hörte, stellte er sich mit seiner Posaune in den Garten und spielte die Volkslieder mit.

Nach 20 Jahren nagte der Zahn der Zeit an den Eichenbalken des Glockenstuhls. Er verfiel zusehends. Nach Kriegsende und in den folgenden Aufbaujahren hatte man wohl andere Sorgen und auch kein Geld, um sich für Tradition einzusetzen und in den Erhalt zu investieren. Und es war Ende der 50er Jahre, als Familie Rüter/Vogt es aus Sicherheitsgründen ablehnte, die Dorfglocke weiter zu läuten. Denn beim Ziehen des Glockenstrangs fielen inzwischen Bretter von oben herab, und das bedeutete Gefahr für Leib und Leben.

Zu Beginn der 60er Jahre, vermutlich 1963, wurde die Glocke dann umgesetzt und mit elektrischem Läutewerk versehen. Ihren neuen Standort erhielt sie auf dem Schulgelände. Hier hatten sich inzwischen Schule, Sportplatz und Spielplatz zum Dorfmittelpunkt entwickelt. Das Läuten versahen die nahebei wohnenden Ortsvorsteher Heinrich Brinkmann, Wolfgang Heemeyer und Annelie Grothe.

Als im Jahre 1999 das neue Umkleidegebäude errichtet war, hatte die Glocke einen denkbar ungünstigen Standort. Sie stand abseits in einer dunklen, feuchten Ecke, versteckt hinter Gebäuden. Besucher der Sportanlagen konnten nur noch das Glockendach sehen.

Inzwischen war die Schule zum Dorfgemeinschaftshaus geworden. Das Vereinsleben aller Fabbenstedter Vereine und Gruppen konzentriert sich hier. Der Sportverein VfB hat seine Hütte und die Sportplätze, die Feuerwehr ihr Gerätehaus, der Schützenverein seine Schießanlage. Der Sozialverband, der Landwirtschaftliche Ortsverein und die Landfrauen treffen sich regelmäßig im Dorfgemeinschaftshaus "Alte Schule". Und es gibt das kleine Museum "Alter Fabbenstedter Laden". Kurz: Gelände und Gebäude sind für die Dorfgemeinschaft zum "Fabbenstedter Treff“ geworden.

In dieser Zeit (1999) begannen Bestrebungen, der Glocke einen anderen, angemessenen Standort zu geben. Was lag näher, als sie wieder in die Mitte zu setzen, also zwischen die verschiedenen Gebäude. Allerdings sollte das Gelände dann auch zu einem echten Dorfplatz umgestaltet werden.

Das ergab sich dann im Jahre 2004. Nach 2 Jahren intensiver Vorarbeit mit Bürgerversammlungen und Überzeugungsarbeit in Rat und Verwaltung der Stadt Espelkamp waren die Planungen abgeschlossen und auch die finanziellen Voraussetzungen geschaffen.

Die Stadt Espelkamp stellt 62.500 Euro zur Verfügung und das Amt für Agrarordnung, Bielefeld, beteiligt sich mit einem Zuschuss in gleicher Höhe an der "Erneuerung Dorfplatz Fabbenstedt mit Umsetzung der Glocke".

So wurde im September 2004 der Glockenstuhl von der Zimmerei Waßmann aus Frotheim abgebaut und, nach umfassender Restauration im Dezember am neuen Standort wieder aufgebaut.

Die Fabbenstedter Firma Stephanie Woelk-Weigle, Garten- und Landschaftsbau, führt die Neugestaltung des Dorfplatzes durch. Dazu gehörten die Errichtung eines erhöhten Fundaments für die Glocke, umfangreiche Pflasterarbeiten und die Erstellung zusätzlicher Parkplätze am Heideweg.

Am 17.09.2005 wurde der Dorfplatz mit der Glocke offiziell eingeweiht.

Nach 75 Jahren steht die Dorfglocke nunmehr an ihrem 3. Standort. Mitten auf dem neuen Dorfplatz, frei und für jedermann von allen Seiten sichtbar. Gemäß der Tradition, läutet die Glocke täglich mittags um 12 Uhr, täglich abends um 19 Uhr, im Trauerfall am Tag vor der Beerdigung mittags 12 Uhr und auch zur Begrüßung eines neuen Erdenbürgers.

 

 

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